Handwerk in Stuttgart: Betriebe und Ausbildung

Stuttgart ist vor allem als Autostandort bekannt. Daimler, Bosch, Porsche prägen das Image der Stadt. Dabei beschäftigt das Stuttgarter Handwerk laut Handwerkskammer Region Stuttgart rund 65.000 Menschen in etwa 11.000 Betrieben. Das sind mehr Beschäftigte als in manchem Industriezweig, für den die Stadt Schlagzeilen schreibt.

Welche Gewerke dominieren den Stuttgarter Markt?

Das Bild ist breiter als viele vermuten. Neben dem klassischen Bauhauptgewerbe mit Maurern, Zimmerern und Stahlbetonbauern sind es vor allem die Ausbaugewerke, die die Betriebslandschaft prägen: Elektriker, Heizungs- und Sanitärbauer sowie Maler und Lackierer stellen einen Großteil der Unternehmen. Hinzu kommen Kfz-Betriebe, Friseurhandwerk und Lebensmittelhandwerk mit Bäckern und Metzgern.

Besonders sichtbar ist die Konzentration im Stuttgarter Kessel selbst und in den angrenzenden Stadtteilen wie Feuerbach, Bad Cannstatt und Zuffenhausen. Dort haben sich Strukturen erhalten, die in anderen Großstädten längst verschwunden sind: kleinere Familienunternehmen mit fünf bis zwanzig Beschäftigten, die seit Jahrzehnten für dieselben Kundenstämme arbeiten.

Betriebsgrößen und wirtschaftliche Realität

Wer über das Handwerk spricht, muss über Betriebsgrößen sprechen. Der durchschnittliche Handwerksbetrieb in Stuttgart beschäftigt laut Kammerstatistik weniger als zehn Personen. Gut 40 Prozent der eingetragenen Unternehmen sind Solo-Selbständige oder haben maximal zwei Mitarbeiter. Das hat konkrete Folgen: Verwaltungsaufwand, Krankenstand, Materialpreissteigerungen treffen kleine Betriebe unmittelbar.

Die Baukonjunktur der Jahre 2017 bis 2021 ließ viele Betriebe wachsen, Mitarbeiter einstellen, in Fahrzeuge und Maschinen investieren. Seit dem Zinsanstieg 2022 und dem Rückgang im Wohnungsbau kämpfen einige dieser Betriebe damit, die aufgebauten Strukturen zu halten. Wer sich einen Überblick verschaffen will, welche Handwerksbetriebe in Stuttgart aktuell tätig sind, findet im städtischen Firmenverzeichnis eine gut strukturierte Übersicht nach Gewerken und Stadtteilen.

Ausbildungssituation: Zahlen und Widersprüche

Auf dem Papier sieht die Lage so aus: Die Handwerkskammer Region Stuttgart verzeichnete für 2023 rund 3.400 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge. Gleichzeitig blieben mehrere Hundert gemeldete Ausbildungsplätze unbesetzt. Das ist kein Stuttgarter Sonderproblem, aber es trifft die Stadt härter als den ländlichen Raum, weil die Konkurrenz um junge Menschen hier besonders groß ist.

Ein 16-Jähriger in Stuttgart hat die Wahl: Gymnasium, kaufmännische Ausbildung in einem Großkonzern mit geregelten Arbeitszeiten, duales Studium oder eben eine handwerkliche Ausbildung. Letztere leidet nach wie vor unter einem Imageproblem, das mit der tatsächlichen Einkommenssituation wenig zu tun hat. Ein ausgelerter Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik verdient in Stuttgart bei einem tarifgebundenen Betrieb ab dem dritten Lehrjahr gut 900 Euro brutto und nach der Gesellenprüfung je nach Betrieb zwischen 2.800 und 3.500 Euro.

Welche Berufe sind besonders gefragt?

  • Anlagenmechaniker SHK: Hohe Nachfrage, vergleichsweise wenige Bewerber
  • Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik: Boomt durch Wärmepumpen und Photovoltaik
  • Zimmerer: Fachkräftemangel trotz gutem Lohnniveau
  • Kfz-Mechatroniker: Wandel durch Elektromobilität verändert Anforderungsprofil
  • Feinwerkmechaniker: Nischenberuf mit stabiler Nachfrage in der Region

Was Betriebe konkret tun, um Nachwuchs zu finden

Die Zeit, in der ein Aushang im Schaufenster reichte, ist seit gut zehn Jahren vorbei. Stuttgarter Handwerksbetriebe, die Ausbildungsplätze besetzen wollen, arbeiten heute mit einem Mix aus verschiedenen Kanälen und Maßnahmen.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein mittelgroßer Malerbetrieb in Stuttgart-Nord mit 18 Mitarbeitern setzt seit 2021 auf kurze Videoclips, die Auszubildende selbst drehen. Kein professionelles Studio, keine aufwendige Produktion. Drei bis vier Minuten, die zeigen, wie ein Arbeitstag aussieht. Ergebnis laut Betriebsinhaber: Die Bewerberzahl hat sich verdreifacht, die Qualität der Bewerbungen ist gestiegen, weil Interessenten schon vorher besser wissen, worauf sie sich einlassen.

Andere Betriebe kooperieren direkt mit Stuttgarter Haupt- und Realschulen. Das Programm „Schule trifft Handwerk“ der Handwerkskammer bringt Schüler für Schnuppertage in die Betriebe. Rund 120 Unternehmen aus dem Kammerbezirk nehmen daran teil. Die Rückmeldungen sind überwiegend positiv, auch wenn aus einem Schnuppertag nicht immer ein Ausbildungsvertrag folgt.

Meisterpflicht, Nachfolge und die Frage der Betriebsübergabe

Ein strukturelles Thema, das in der öffentlichen Debatte zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, ist die Betriebsnachfolge. In Stuttgart stehen in den nächsten zehn Jahren schätzungsweise 1.500 bis 2.000 Handwerksbetriebe vor einem Inhaberwechsel, weil die Eigentümer in Rente gehen. Viele dieser Betriebe finden keinen Nachfolger.

Das liegt zum Teil daran, dass der Meistertitel Voraussetzung für die Betriebsführung in zulassungspflichtigen Gewerken ist. Die Meisterprüfung kostet je nach Gewerk zwischen 3.000 und 8.000 Euro. Hinzu kommt die Zeit: Wer den Meister berufsbegleitend macht, investiert meist anderthalb bis zwei Jahre. Die Meistergründungsprämie Baden-Württemberg in Höhe von 10.000 Euro federt einen Teil der Kosten ab, ist aber bei vielen potenziellen Nachfolgern schlicht unbekannt.

Wo kein Meister übernimmt, droht entweder die Auflösung oder die Übernahme durch größere Betriebe. Letzteres ist kein Weltuntergang, verändert aber die kleinteilige Struktur, die das Stuttgarter Handwerk bislang auszeichnet.

Fazit: Stark, aber unter Druck

Das Handwerk in Stuttgart funktioniert. Es versorgt die Stadt mit Leistungen, die keine App und keine Plattformökonomie ersetzen kann. Gleichzeitig laufen demographischer Wandel, Kostenentwicklung und Fachkräftemangel gegen die Branche. Betriebe, die das erkennen und aktiv gegensteuern, sind in der Regel auch diejenigen, die in fünf Jahren noch am Markt sind. Die anderen warten darauf, dass sich irgendetwas von selbst löst. Das wird es nicht.